Textatelier
BLOG vom: 13.04.2009

Unverwedelte Wahrheit über Staub: doppelgesichtiger Glanz

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Jeder Staub ist einzigartig.“
Jens Soentgen, 2006
*
„Staub ist alles, das so leicht ist, dass es von Luft emporgetragen wird.“
Isidor von Seville (560‒636)
*
 
Der Staub ist ein ständiger Begleiter des Menschen, bis sich letzterer am Ende gleich selber berufen fühlt, sich in Staub aufzulösen – ohne in diesem neuen Aggregatzustand andere Menschen zu belästigen.
 
„Vom Staub“ berichtet eine Ausstellung im Forum Schlossplatz in Aarau (neben dem „Schlössli“), die von Kurator Beat Gugger, Burgdorf BE, gestaltet wurde (Dauer: 14.03.2009 bis 24.05.2009). Das "Haus zum Schlossgarten“ diente übrigens 1798 als erstes Bundeshaus; es ist heute im Besitz der Ortsbürgergemeinde Aarau.
 
Die Ausstellung erschliesst ein neues Universum und hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Ich begegne nun dem Staub, wenn auch nicht gerade freudig-freundschaftlich, so doch wesentlich unverkrampfter als vorher.
 
Mein privater, häuslicher Staub lagert sich vor allem auf Buchrücken ab, und ich käme nicht mehr zum Lesen, wollte ich ihm ständig den Garaus machen. Solch ein Ansinnen wäre ohnehin zum Scheitern verurteilt: „Der staubfreie Raum bleibt eine Utopie“ (Jens Soengten im Buch „Staub – Spiegel der Umwelt“), und wenn diese Staubfreiheit doch gelingen sollte, wie im „Lifetime Europa – ein geschichtsfreier Raum“ im Garten des Künstlerpaars Rudolf Steiner (*1964, hat nichts mit dem Anthroposophen-Stifter zu tun) und Barbara Meyer Cesta (*1959) in Leipzig D, dann hört die Zeit auf – und damit auch die Geschichte. Und das wollen wir ja alle nicht.
 
Der allgegenwärtige Staub gilt als „der ärgste Feind des Buchs“, las ich in der Ausstellung während eines leichten Hustenanfalls – und da habe ich immer gemeint, das sei der Analphabetismus … Im Forum Schlossplatz in CH-5000 Aarau habe ich zudem gelernt, dass man stark verstaubte Bücher am besten am offenen Fenster flach gegeneinander klopft. Die „Fibel für den Bücherfreund“ rät dazu: „Zum Abwischen des Kopfschnitts, der am meisten verstaubt, verwende man ein leicht ölgetränktes Staubtuch oder eine speziell konstruierte Bücherbürste.“ Zum Schutz gegen Staub hatten die Bücher früher tatsächlich einen farbigen oder sogar goldenen Kopfschnitt.
 
Bei mir sammelt sich am meisten Staub im Kabelsalat unter dem Schreibplatz mit den 2 Computern, den 3 Bildschirmen, Modems, Telefon- und Internetverbindungen mit all den spezialisierten, intensiv verkabelten Geräten an. Der Knäuel verwindet sich immer mehr, zumal mir die Kabellosigkeit wegen der damit verbundenen erhöhten Strahlung suspekt ist. Sogar Spinnen knüpfen dort ihre Netze, haben Anknüpfungspunkte en masse. Und diesem Staub ist (bei Erhaltung der Spinnweben) fast nicht beizukommen, denn, wie eine Untersuchung von Andrea Ferro in New York zum „Staub im Haushalt“ 2008 ergeben hat, befördert das Staubwischen eine Unmenge von Staubpartikeln in die Atemluft, eine ausserordentlich einfältige Tätigkeit also. Zwar wusste ich das bereits. Und das „Herumgehen in der Wohnung pustet ähnliche Staubwolken in die Atemluft wie staubsaugen“. Hinzu kommt diese Einsicht, dem Gipfel der Erkenntnisse zusteuernd: „Den stärksten Aufwirbelungseffekt haben 2 Menschen, die in der Wohnung herumgehen oder auf Sitzmöbeln sitzen.“ Da lobe ich mir die Singles. Das heisst, man sollte allein wohnen, niemals staubwischen, nicht herumgehen und dabei auch nicht sitzen. Also einfach stehen bleiben. Ganz ruhig. Dabei hat man dann gleich die nötige Musse, um sich über den Staub zu freuen. Das trifft sich gut. Denn in „Die Staubsaugerin“ schrieb Ferenc Konia einmal, Staublosigkeit sei der dumpfste aller vorstellbaren Zustände, dem man sich aussetzen könne. Wie Honig, den die Bienen aus Blütenstaub zusammentragen, habe ich diese Lebensweisheit eingesaugt und gebe sie hier wie ein auspustender Staubsauger wieder. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich noch nie das Gefühl hatte, ein dumpfes Leben zu führen.
 
Irvin Adler (1959) überschlug sich förmlich vor universeller Begeisterung über den Staub, als er diese Worte verwirbelte: „Ein Staubkorn ist etwas winzig Kleines, aber dennoch besitzt der Staub eine unabsehbare Bedeutung, ob es nun der alltägliche Staub in unserem Zimmer ist oder der kosmische Staub, der das Licht der Sterne trübt. Staub führt uns aus der Gegenwart in die unendliche Tiefe der Vergangenheit von Jahrmillionen zurück.“
 
Tatsächlich ist nicht einmal das Universum von Staub verschont; dennoch habe ich noch nie Bilder von abstaubenden Astronauten oder Astronomen gesehen. Dem Urknall sei gleichwohl Lob und Dank: Sterne aus Wasserstoff und Helium entstanden, in deren Ofen sich die ersten Elemente bildeten. Nach dem Erlöschen explodierten diese Sterne der ersten Stunde und wurden nicht müde, Gas und Staubteilchen ins expandierende Universum zu schleudern. Die Staubteilchen vereinigten sich vereinsmässig, um sich in der Unendlichkeit des Alls nicht so verloren zu fühlen, woraus wieder neue Sterne und sogar unser Planet Erde entstand, ein riesiger Staubhaufen sozusagen, ein gefundenes Fressen für die stiebende Staubsaugerbranche. Der Staub entwickelt eine grosse Reiselust, die wir vielleicht nicht vom Wasser, sondern vielmehr vom Staub gelernt haben. Sahara-Staub kommt über die Alpen zu uns, und Vulkanstaub aus Asien kann bis nach Europa fliegen, veranstaltet also Interkontinentalflüge.
 
Nicht allein unsere Wohnungen, sondern die Natur insgesamt ist eine staubige Angelegenheit. Der Staub stammt, wie angetönt, aus dem All, aber auch aus den schönen Wüsten, aus Vulkanen, Haussprengungen, den Überbleibseln von Insekten, die den Weg alles Irdischen gegangen sind, und zu den Staub-Massenproduzenten gehören selbst die Ozeane, von deren feinen Spritzern bei Wellengang schwebende Salzkristalle in der Atmosphäre verharren. Der Mensch steht nicht zurück und reichert die staubige Umgebung noch mit täglich etwa 1,5 g Hautschuppenstaub an.
 
Der Lohn für all diese Stauberei bleibt nicht aus: „Je staubiger die Luft, je intensiver das Alpenglühen“, verkündet Beat Guggers Ausstellung. Die Farbveränderungen des Himmels sind vom Staub beeinflusst – und damit auch das erwähnte Alpenglühen, das wir unter anderem zu touristischen Zwecken aufleuchten lassen können, und das dann auch romantischen Schriftstellern und Malern ihre Arbeit in Richtung Expressionismus erleichtert. So wird der Staub also zum Dekorateur im Grossformat: „Ohne Staub keine Wolken, keine Farbe am Himmel, keine Farbe auf den Bildern, ohne Staub keine materielle Welt.“
 
So kommt also, je mehr man sich der Sache annimmt, zunehmend Leben in den Staub, ja Staub wird zum Eingang in die sichtbare Welt, zum Inbegriff allen Seins, eine tolle Sache also. Und Staub hat auch mit Kultur zu tun. Eine Installation im Forum Schlossplatz beweist, dass Staub auch akustisch wahrgenommen werden kann; Forumsleiterin Nadine Schneider setzte diese sirrende, schluchzende, brummende, stöhnende Anlage für mich freundlicherweise in Betrieb: Auf den Rillen von Lautsprechermembranen, die am Boden wie Fruchtschalen herumstehen, hat es die Künstlerin Esther van der Bie (*1962) geschafft, Staub zum Tanzen zu bringen. Für jedes Staubindividuum wurde eine eigene Tonspur geschrieben, die mit dem Staub als Material und der Oberflächentextur des Tieftöners arbeitet. Der Staub hüpfte, vibrierte, schüttelte sich durch und erzeugte feine Töne, als ich in jenem Raum war und selber ein paar Hautschuppen hinterliess und dabei die Töne so sanft modulierte, dass ich das überhaupt nicht bemerkte.
 
Besonders eindrücklich waren für mich die Zeichnungen von Staubpartikelformen von Christian Gottfried Ehrenberg (1849): Kein Staubkorn aus dem Passat- oder Scirocco-Staub gleicht dem anderen. Und angesprochen haben mich auch die Schaukästen mit den wie Insekten aufgespiessten und beschriftetem Staubknäuelchen, die unsere Umwelt spiegeln. Kein Wunder, dass der Staub auch bei kriminaltechnischen Untersuchungen von Bedeutung sein kann.
 
Und jetzt kommt noch besonders feiner Staub aus der Nanotechnologie auf uns zu, die von der Natur inspiriert ist. Sie erlaubt es, so feine im Sinne von ebenmässige Oberflächen zu gestalten, dass darauf kein Staub mehr haften kann und aussen abperlt. Bei der Verarbeitung aber kann dieser Feinststaub schon seine Tücken haben: Über die Lungen kann er direkt in unsere Blutbahn gelangen. Hoffentlich kommt es nicht auch dort zu einer Variante des Alpenglühns. Am Schluss ist auch noch unser Blut verstaubt, so dass wir früher gezwungen sein werden, uns aus dem Staub zu machen.
 
Mein persönlicher Staubbedarf ist auch ohne technisch neu erfundene Stäube hinreichend gedeckt, und ich sehe keinerlei Bedarf, Nahrungsergänzungen in Form von Staubkapseln (morgens und abends je 1 Tablette) zu schlucken. Ich finde, man könne alles übertreiben. Auch die Sache mit dem Staub.
 
Es wäre an der Zeit, auch einmal von den Nachteilen zu sprechen, zusammen mit Museumsfachleuten: „Staub nimmt den Objekten den Glanz.“ Die Abstauberei dürfte genau deswegen weitergehen.
 
Quelle
Gugger, Beat: „Vom Staub“, Dokumentation, erschienen im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung im Forum Schlossplatz, Aarau, Edition Haus am Gern (www.hausamgern.ch) . ISBN 978-3-033-01921-8.
 
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